Oktober 2009 Archive

Ein Roman in 30 Tagen

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NaNoWriMo 2009 wirft seinen Schatten voraus. Da das Tori Amos Forum seit letzten Freitag einen Servercrash verdaut und ich am ersten Wochenende nach meinem Tourabschnitt weiter nichts vor hatte, habe ich die Zeit genutzt, dort etwas zu stöbern und mir Gedanken über meinen diesjährigen Roman zu machen. 2006 habe ich gewonnen, 2007 bin ich - ohne Internetzugang - bei ca. 25000 Wörtern hängen geblieben und 2008 habe ich fast nichts zu Papier bzw. zu Editor gebracht.
Vor allem letztes Jahr habe ich einfach zu viel gewollt. Mit einem - wie ich fand - ganz guten Setting aber ohne Plot und nur schemenhaften Vorstellungen von nur einem Charakter habe ich einen Monat lang versucht, eine Geschichte herauszuwürgen. Daß ich zu allem Überfluß noch kurz vor November begonnen hatte, Sol Stein zu lesen, hat auch nicht wirklich geholfen. Nachdem ich bei ihm über die Wichtigkeit des ersten Satzes gelesen hatte, weigerte sich dieser standhaft, zu mir zu kommen. Über fast das ganze Jahr.

Also habe ich mich entschieden, dieses Jahr etwas Neues zu probieren: Ich werde Trash schreiben. Die erste Idee war, eine Gang wie die Prostituierten aus Old Town in Sin City im Stil von Good Omens in Szene zu setzen. Zugegeben, Neil Gaiman und Terry Pratchett sind schon Respekt einflößende Namen, aber es geht ja nur um die grobe Richtung, nicht darum, an ihr Niveau heranzukommen. Die ersten paar Charaktere sind schon grob umrissen, ein paar Macken habe ich ihnen auch schon verpasst.
Das ist übrigens das erste Mal, dass ich schon anfang Oktober konkret plane. Eine weitere Premiere für mich ist, dass ich dieses Mal mit yWriter und nicht in einem einfachen Texteditor schreibe. Auf Anhieb gefallen mir die Möglichkeiten sehr. Man kann Charaktere, Schauplätze und Gegenstände darin verwalten, Kapitel in Szenen aufzuteilen und deren Reihenfolge beliebig verändern und - last but not least - den Wordcount im Auge behalten.

Walkabout

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Das Piepen des Scanners, dann das schleifende Geräusch der Bahncard im Lesegerät. Danke, gute Fahrt. Der Schaffner wendet sich an meinen Sitznachbarn. Dazu das ewig gleiche Geräusch der Räder auf den Schienen. Bevor ich mich wieder meinem Buch zuwende, läuft ein Gleichgesinnter den Gang entlang. Entweder kennt man sich persönlich oder identifiziert sich gegenseitig anhand von T-Shirts, Halsketten oder Buttons, Dingen, die andere Mitreisende nicht wahrnehmen. Vielleicht ist man sich auch einfach am Vortag schon begegnet. Lächelnd nicken wir uns gegenseitig kurz zu, bevor wir uns wieder der Langeweile der Anfahrt hingeben. Wir sind das, was die Frau, wegen der wir kreuz und quer durch Europa reisen, als Ears with Feet bezeichnet. Moderne Pilger.

Unser Mekka ist ein bewegliches Ziel, unsere diesjährige Kaaba ein weißer LKW mit der Aufschrift "Stage Truck" in dunkelblau und einem stilisierten Blitz in der selben Farbe. Er markiert den Treffpunkt, den Ort, an dem das erste Ritual stattfindet. Menschen unterschiedlicher Nationalitäten versammeln sich dort, in der Hoffnung darauf, dass sie zu uns kommt und eine gefühlte halbe Stunde mit uns, ihren Fans, verbringt.
Was sie normalerweise tut.
Eher aus Langeweile fragen einige die lokalen Sicherheitsleute danach, ob sie heute rauskommen wird und bekommen das übliche Nein zu hören. Was wissen die schon? Bevor nicht jemand, der es wissen muss, eine Aussage dazu macht, bewegt sich niemand von uns auch nur einen Zentimeter von hier weg. Ganz früher war es Joel, später Smitty, jetzt macht Mindi die verbindlichen Ansagen. Kein anderer wird uns hier weglabern.

Leute aus ganz Europa, Briten, Amerikaner - sogar ein paar Australier haben sich hier eingefunden, um ihrem Idol persönlich zu begegnen. Die meisten sind nicht zum ersten mal da und wissen wie es läuft. Dann das Übliche, sie kommt an, verschwindet im Gebäude, Mindi kommt raus und erklärt uns, was wir aus Erfahrung oder von den Anderen bereits wissen. Foto oder Autogramm, nicht die Absperrung - physisch oder gedacht - überschreiten, zivilisiert benehmen und so weiter. Wenn nichts anderes, löst das ein Kribbeln aus, das in den Füßen beginnt, sich die Waden hoch arbeitet und nach und nach den ganzen Körper wie die gespannte Sehne eines Geigenbogens vibrieren läßt.

Keine Stunde später ist es schon wieder vorbei. Vielleicht gab es ein gemeinsames Foto oder ein Autogramm oder man hat ihr sagen können, welchen Song man abends gern hören würde. Irgendwo in der Nähe ein schnelles Essen auf der Fressmeile eines Einkaufszentrums und dann das Konzert. 1,58m in überlebensgroß. Sie pumpt uns so viel Adrenalin durch die Venen, dass wir uns später noch aufgeregt vor der Halle über die Performance unterhalten und danach ein bis zwei Bier brauchen, um in billigen Hotelzimmern, Großraum- oder Schlafwagen oder auf den Rücksitzen der Autos unserer Fahrer in den Schlaf zu finden, während diejenigen, die sich zum Fahren bereiterklärt haben, gegen ihre Müdigkeit ankämpfen.
Wie Arbeitskollegen haben wir uns mit einem lapidaren "bis morgen" verabschiedet, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass wir morgen vielleicht mehr als tausend Kilometer von hier entfernt sein werden. Kein Wort auch über Kaffee aus Pappbechern, um uns die Augen aufzureißen, Wasser aus Plastikflaschen oder überteuerte Croissants vom Bahnhof, mit denen wir uns über Tage auf den Beinen halten.

Dann, nach einigen Tagen oder Wochen ist es vorbei. Eine Welt, die ca. alle zwei Jahre aus dem Internet in die Realität gespült wird und mir einen heftigen Arschtritt verschafft, zieht sich wieder zurück in ihr angestammtes Terrain. Ich spüre noch die Ausläufer, als ich mich am Bahnhof kurz mit zwei Holländerinnen unterhalte, die wie ich gestern ihre letzte Show für dieses Jahr erlebt haben und jetzt auf dem Heimweg sind. Die nächsten zwei Jahre wird sich fast alles wieder virtuell abspielen. Videos bei YouTube, das ein oder andere Bootleg, nostalgische Konversationen in Internetforen. Die Räder des Intercity spielen auf den Schienen das Intro für mein normales Leben, das morgen früh wieder beginnt.

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